Dr. Heinrich Ritter von Schullern zu Schrattenhofen
Dr. Heinrich Ritter von Schullern zu Schrattenhofen (Innsbruck, 17. April 1865 – ebenda, 16. Dezember 1955) nimmt innerhalb seiner Familie eine eigentümlich vielschichtige Stellung ein. Als jüngerer Sohn des Dichters und Schulmannes Anton Ritter von Schullern zu Schrattenhofen und Bruder des Nationalökonomen Hermann Ritter von Schullern zu Schrattenhofen verband er drei Lebenskreise, die sich nur selten in einer Person so eng berühren: die Medizin, den militärärztlichen Dienst und ein über Jahrzehnte ausgreifendes dichterisches Werk. Während beim Vater die Schule, beim Bruder die Volkswirtschaftslehre im Vordergrund standen, erscheint Heinrich als jene Gestalt der Familie, in der Berufserfahrung, Kriegserlebnis und literarische Gestaltungskraft am stärksten ineinandergriffen.[1]
Sein Bildungsgang war für einen späteren Schriftsteller ungewöhnlich breit. Nach der Matura studierte er nicht nur Medizin, sondern widmete sich daneben auch Romanistik und Malerei; seine Studien führten ihn nach Innsbruck, Graz und München. Im Jahre 1890 promovierte er in Innsbruck zum Doktor der Medizin. Daran schlossen sich praktische Jahre als Assistent und Sekundararzt im Krankenhaus Innsbruck sowie weitere ärztliche Tätigkeit in Salzburg an. Schon in dieser frühen Phase zeigte sich, daß sein Leben nicht im reinen Fachberuf aufgehen würde: In Salzburg begann auch sein literarisches Wirken, das ihn bald in Kreise der Kunst- und Literaturszene führte.[2]
Den entscheidenden äußeren Rahmen seines Berufslebens bildete sodann der Militärsanitätsdienst. Nach den online greifbaren biographischen Nachweisen wirkte Heinrich von Schullern als Militärarzt in Salzburg, Wien, Bozen und Innsbruck; im Ersten Weltkrieg stand er auch an der Ostfront im Einsatz. Gegen Ende seiner Berufslaufbahn war er Chefarzt und Lehrer an der Militärakademie in Wien. Die Österreichische Nationalbibliothek verzeichnet ihn für die Zeit bis zu seiner Pensionierung 1919 als Generalstabsarzt in Innsbruck. Seine militärische Laufbahn war demnach nicht bloß eine episodische Unterbrechung seiner ärztlichen Tätigkeit, sondern ein tragender Teil seiner Lebensform. Gerade darin unterscheidet er sich von vielen zeitgenössischen Dichtern, deren Kriegserfahrung überwiegend literarisch vermittelt blieb: Schullern hatte sie als Arzt und Offizier unmittelbar durchlebt.[3]
Parallel dazu entfaltete sich sein schriftstellerisches Werk mit bemerkenswerter Breite. Er schloß sich früh der Bewegung „Jung-Tirol“ an und gab 1899 gemeinsam mit Hugo Greinz den Musenalmanach Jung-Tirol heraus. Seine literarische Produktion umfaßte Romane, Novellen, Lyrik und Drama; die Österreichische Nationalbibliothek hebt hervor, daß er vor allem historische Stoffe seiner Heimat sowie Erzählungen mit sozialer Tendenz behandelte. Zu den bekanntesten Werken zählen die Romane Ärzte (1901) und Jung-Österreich (1910), sodann die über lange Archivstudien vorbereitete Tiroler Trilogie Das Land im Gebirge, bestehend aus Kleinod Tirol, Boccaccio auf Schloß Tirol und Der Herzog mit der leeren Tasche, ferner die autobiographisch grundierten Erinnerungen eines Feldarztes aus dem Weltkrieg. Seine schriftstellerische Arbeit dauerte mehr als sieben Jahrzehnte und machte ihn zu einer festen Größe im Tiroler Literaturleben des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[4]
Nach 1919 trat Schullern keineswegs in einen bloß stillen Ruhestand. Vielmehr kehrte er nach Innsbruck zurück und wirkte weiterhin öffentlich. Im selben Jahr wurde er zum ersten Obmann des Andreas-Hofer-Bundes bestellt, der sich der Wahrung der Tiroler Einheit und insbesondere der Südtirol-Frage widmete. Damit erscheint Heinrich von Schullern nicht nur als Arzt und Schriftsteller, sondern auch als politisch empfindsamer Kulturträger seiner Heimat. Seine Bedeutung wurde auch offiziell anerkannt: 1917 erhielt er den Bauernfeldpreis; 1936 verlieh ihm die Stadt Innsbruck den Ehrenring und würdigte damit ausdrücklich sowohl den gefeierten Dichter als auch den Kämpfer für die geistigen und politischen Rechte Tirols. 1951 gehörte er zu jenen Autoren, die in Innsbruck den Turmbund begründeten. Bis in sein hohes Alter blieb er somit im kulturellen Leben des Landes gegenwärtig.[5]
Seine besondere Wirkung liegt daher weniger in einer einzelnen Tat als in der Verbindung verschiedener Lebenssphären. Heinrich von Schullern war weder nur Arzt noch nur Militärarzt, weder bloß Heimatdichter noch lediglich politischer Publizist. Er verband die praktische Erfahrung des ärztlichen und militärischen Dienstes mit dichterischer Formkraft und trug dadurch wesentlich dazu bei, Tirol als Geschichts-, Erinnerungs- und Kulturlandschaft literarisch zu prägen. Innerhalb der Familie steht er damit zwischen dem bildungsbürgerlich-kulturellen Wirken des Vaters Anton und der wissenschaftlich-staatsökonomischen Laufbahn seines Bruders Hermann; gerade diese Mittelstellung macht seine Persönlichkeit besonders charakteristisch. In ihm verdichten sich auf eigentümliche Weise Altösterreich, Weltkriegserfahrung und Tiroler Geistesleben.[6]
Anmerkungen
[1] Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. 11, Wien 1998, s. v. „Schullern zu Schrattenhofen, Anton von“, 330 f.; ebd., s. v. „Schullern zu Schrattenhofen, Hermann von“, 331 f. — Kurzbeleg: ÖBL, s. v. Schullern zu Schrattenhofen, Anton von, 330 f.; ÖBL, s. v. Schullern zu Schrattenhofen, Hermann von, 331 f.
[2] Österreichische Nationalbibliothek, Nachlässe in Österreich. Personenlexikon, s. v. „Heinrich von Schullern“, Wien 2008; Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“, 27. Jänner 2023. — Kurzbeleg: ÖNB, Nachlässe in Österreich, s. v. Heinrich von Schullern; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“.
[3] ÖNB, Nachlässe in Österreich, s. v. Heinrich von Schullern; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“. — Kurzbeleg: ÖNB, Nachlässe, s. v. Heinrich von Schullern; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“.
[4] Sarah Bachl, „Heinrich von Schullern“, in: LiteraturTirol. Lexikon; ÖNB, Nachlässe in Österreich, s. v. Heinrich von Schullern; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“. — Kurzbeleg: Bachl, „Heinrich von Schullern“; ÖNB, Nachlässe, s. v. Heinrich von Schullern; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“.
[5] BAS – Von der Feuernacht zur Autonomie / Ausstellung Bozen, „Der Frieden von St. Germain und der Andreas-Hofer-Bund“; ÖNB, Nachlässe in Österreich, s. v. Heinrich von Schullern; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“. — Kurzbeleg: BAS, „Der Frieden von St. Germain und der Andreas-Hofer-Bund“; ÖNB, Nachlässe, s. v. Heinrich von Schullern; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“.
[6] ÖBL, s. v. Schullern zu Schrattenhofen, Anton von, 330 f.; ÖBL, s. v. Schullern zu Schrattenhofen, Hermann von, 331 f.; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“. — Kurzbeleg: ÖBL, s. v. Anton von Schullern, 330 f.; ÖBL, s. v. Hermann von Schullern, 331 f.; Stadtarchiv Innsbruck, „Ausgezeichnete Köpfe_Teil 8“.