Ein Tiroler Beamtengeschlecht

Dr. Hermann von Schullern (1861-1931)
Dr. Hermann von Schullern (1861-1931)

Dr. Hermann Ritter von Schullern zu Schrattenhofen

Hermann Ritter von Schullern zu Schrattenhofen (1861–1931) gehört zu jenen Gelehrten des späten Habsburgerreiches, in deren Lebensgang sich Wissenschaft, Verwaltung und praktische Staatsaufgabe auf bemerkenswerte Weise verbinden. Nach dem Studium der Rechte in Innsbruck und der Promotion zum Dr. iur. im Jahre 1884 war er zunächst in der Gerichts- und Advokaturspraxis tätig; erst dann wandte er sich, unter dem Einfluß Eugen von Böhm-Bawerks, entschiedener der Nationalökonomie zu. Mit seiner 1889 eingereichten Habilitationsschrift über Grundrente und Grenznutzen gewann er die Venia legendi für Nationalökonomie und trat damit in den Kreis jener jüngeren österreichischen Ökonomen ein, die von der Grenznutzentheorie geprägt waren.[1]

Dogmengeschichtlich läßt sich Schullern freilich nicht als starrer Parteigänger einer einzelnen Richtung fassen. Seine wissenschaftliche Sozialisation erfolgte zwar klar im Umkreis der Österreichischen Schule, doch blieb er nicht bei deren engerem theoretischen Programm stehen. Die neuere Innsbrucker Fachgeschichte hebt vielmehr hervor, daß er sich unter dem Einfluß seiner Tätigkeit in der Statistischen Zentralkommission und der Zusammenarbeit mit Karl Theodor von Inama-Sternegg relativ früh von der engeren österreichischen Lehrtradition entfernte und sich der Historischen Schule annäherte. In seinen späteren Arbeiten erscheint er deshalb eher als vermittelnder Nationalökonom, der theoretische Fragestellungen mit historisch-agrarischen und wirtschaftspolitischen Interessen verband.[2]

Seine akademische Laufbahn führte ihn aus Innsbruck bald in weitere Wirkungsfelder der Monarchie. Nach Tätigkeiten an der Innsbrucker und Wiener Handelsakademie, an der Orientalischen Akademie sowie innerhalb der Statistischen Zentralkommission wurde er 1899 als ordentlicher Professor an die Technische Hochschule in Brünn berufen. Schon 1901 übernahm er die Lehrkanzel für Volkswirtschaftslehre und Statistik an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, deren Rektor er in den Studienjahren 1903/04 und 1904/05 war. 1915 kehrte er als ordentlicher Professor für Politische Ökonomie an die Universität Innsbruck zurück. Damit war Schullern keineswegs nur ein publizierender Theoretiker, sondern ein an zentralen Ausbildungs- und Verwaltungsstellen der Monarchie erprobter Hochschullehrer und Fachbeamter.[3]

Für seine spätere Tätigkeit in Görz ist besonders wichtig, daß sich sein wissenschaftliches Interesse seit der Jahrhundertwende immer stärker agrarpolitischen und agrargeschichtlichen Fragen zuwandte. Hierzu gehört vor allem seine im Auftrag des k. k. Ackerbauministeriums ausgearbeitete Studie über das Kolonat in Görz und Gradisca, in Istrien, in Dalmatien und in Tirol, die auf einer Bereisung des Jahres 1908 beruhte und 1909 im Druck erschien. Diese Untersuchung war keine bloß gelehrte Fingerübung, sondern eine mit konkreten Wirtschafts- und Besitzverhältnissen befaßte Arbeit über Pachtsysteme und ländliche Sozialordnungen. Gerade dadurch war Schullern in der Grafschaft Görz und Gradisca bereits vor dem Krieg als sachkundiger Kenner agrarischer Verhältnisse bekannt, was seine spätere Heranziehung für eine Verwaltungsaufgabe vor Ort in hohem Maße erklärlich macht.[4]

Als sich nach der Wiederbesetzung des Görzer Raumes durch die k. u. k. Truppen die Mängel im Wiederaufbau immer deutlicher zeigten, suchte die Verwaltung im Frühjahr 1918 dem stockenden Wiederherstellungswerk eine neue Leitung und festere Ordnung zu geben. Nach Paolo Malni wurde das Wiederaufbauamt für Görz und Gradisca bereits im Februar 1918 nach Görz verlegt, um näher am verwüsteten Gebiet zu operieren; Anfang April übernahm dann Hermann von Schullern als ministerieller Sachverständiger dessen Leitung. Ihm wurden von der Luogotenenza in Triest weitreichende Zuständigkeiten übertragen, und schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt bereiste und inspizierte er die Provinz. Damit tritt Schullern in einer Funktion hervor, die nicht bloß als allgemeine „Verwaltung“ zu bezeichnen ist, sondern als hochrangige zivile Leitung des staatlichen Wiederaufbaus in einem schwer zerstörten Kriegsgebiet.[5]

Die Größe dieser Aufgabe wird durch die zeitgenössischen Zahlen besonders anschaulich. Für Görz und Gradisca waren im Mai 1918 rund 11.000 ländliche Wohngebäude und 4.000 städtische Gebäude als wiederherstellungsbedürftig erfaßt; dem Amt standen jedoch im gesamten betroffenen Raum lediglich etwa 1.400 Arbeiter und Handwerker sowie drei Lastkraftwagen zur Verfügung. Hinzu kamen Mangel an Baumaterial, unzureichende Transportmittel, fehlende Fachkräfte und die Konkurrenz militärischer Bedürfnisse. Vor diesem Hintergrund erscheint Schullerns Görzer Stellung als ein Amt an der Schnittstelle von Ökonomie, Verwaltung und Krisenbewältigung. Die quellenmäßig sicherste Funktionsbezeichnung bleibt dabei: Leiter des Wiederaufbauamts in Görz.[6]

So zeigt sich im Lebensweg Hermann von Schullerns eine bemerkenswerte Entwicklung: vom theoretisch geschulten Nationalökonomen, der aus der österreichischen Grenznutzenschule hervorging, über den agrarpolitisch orientierten Hochschullehrer und Verwaltungsfachmann bis hin zum Leiter einer konkreten staatlichen Wiederaufbauaufgabe im letzten Kriegsjahr der Monarchie. Gerade diese Verbindung von Gelehrsamkeit und praktischer Verantwortung verleiht seiner Persönlichkeit ein Profil, das ihn über die bloße Fachgeschichte der Nationalökonomie hinaus auch für die Verwaltungs- und Regionalgeschichte des alten Österreich bedeutsam macht.

Fußnoten

[1] Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. 11, Wien 1998, s. v. „Schullern zu Schrattenhofen, Hermann von“, 331.

[2] Engelbert Theurl, Die Volkswirtschaftslehre (VWL) an der Universität Innsbruck: Einblicke in ein Vierteljahrtausend bewegter Geschichte. Abschnitt IV: 1919–1965. Dominanz heterodoxer Botschaften?, Innsbruck 2025, 42, 162.

[3] ÖBL, s. v. „Schullern zu Schrattenhoften, Hermann von“, 331.
Korrigierte Form für den Druck: ÖBL, s. v. „Schullern zu Schrattenhofen, Hermann von“, 331.

[4] Theurl, Volkswirtschaftslehre, 73–75; ÖBL, s. v. „Schullern zu Schrattenhofen, Hermann von“, 331.

[5] Paolo Malni, „Un lento addio. Appunti di ricerca sull’ultimo anno di governo asburgico nel Friuli orientale“, in: Qualestoria 26 (1998), H. 1/2, 65–166, hier 120–121; ÖBL, s. v. „Schullern zu Schrattenhofen, Hermann von“, 331.

[6] Malni, „Un lento addio“, 121–123.

Wikipedia: Dr. Hermann von Schullern zu Schrattenhofen