Tatjana Schullern – Sopran in Wien
Tatjana Schullern hat ebenso ein weitgefächertes Konzertrepertoire, das von Oratorien und Messen von Pergolesi, Bach, Haydn, Mozart, Schubert bis Gabriel Faurè reicht. Zu ihrem Liedrepertoire zählen Werke aus dem italienischen Barock, sowie der Klassik, Romantik und der Moderne. Internationale Konzerttätigkeit brachte Frau Schullern in sämtliche west- und osteuropäischen Länder, sowie nach USA und Canada.
Kammeroper Wien: Zigeunerbaron – der Abend, an dem „So elend und so treu“ plötzlich zurücksingt
Man kann Johann Strauß (Sohn) in Wien immer „richtig“ spielen: mit Schaumkrone, Csárdás-Glanz und der kleinen ironischen Übertreibung, die alles so angenehm leicht macht. Man kann ihn aber auch so spielen, dass die Leichtigkeit nicht zum Ausweichen wird. In der Kammeroper gelingt – (in dieser Besprechung) mit klarem Blick und erstaunlicher Präzision – genau das: eine Inszenierung, die den Operettenmotor hochdreht, ohne die problematischen Fremdbilder zu verkleiden.
Die Handlung ist ohnehin ein Stück über Besitz, Status und Zuschreibung: Barinkay kehrt zurück, fordert sein Erbe, gerät in die Konfliktmaschine eines Banater Mikrokosmos, findet in Saffi seine Liebe – und damit auch eine neue „Heimat“; Intrigen, Schatzfund, Militärpathos, gesellschaftliche Rehabilitation: Operette als soziale Zeitmaschine.
Das Zentrum: Saffis Lied als Bühne im Stück
Der Abend findet sein Herz früh, dort, wo Der Zigeunerbaron am empfindlichsten ist: im Zigeunerlied „So elend und so treu“. Die Szene wird nicht als folkloristische Einlage serviert, sondern als dramatischer Brennpunkt. Saffi steht auf minimalistischer Bühne und um sie herum kippt das Raumgefühl: Aus Musik wird plötzlich Blickregime.
Denn dieses Lied ist zugleich Feindbild und Leiden am Feindbild: eine Sprachfläche, in der sich Gerüchte, Angstformeln und Zuschreibungen verdichten.
„O habet acht … vor den Kindern der Nacht“, „Mann gib’ acht auf dein Pferd, Weib gib’ acht auf dein Kind“: Der Text führt die Warnrhetorik so weit, dass man ihr beim Entstehen zusehen kann.
Und genau hier setzt die Inszenierung klug an: Sie zeigt nicht „die Zigeuner“, sie zeigt die Rede über sie. Die Stadt ist als kalter Gegenraum präsent – als Tuscheln, als Abstand, als Blick, der Besitz und Menschen sortiert.
Entdeckung des Abends: Tatjana Schullern als Saffi
Tatjana Schullern – in dieser Produktion die Entdeckung – singt Saffi nicht als Rätselwesen, sondern als bewusste Erzählerin: jemand, der die Zuschreibung kennt und sie im Gesang zurückwirft. Ihre Stimme kann im selben Atemzug schmeicheln und schneiden; vor allem aber bleibt sie präzise im Wort. Das ist entscheidend, weil der Text selbst mit Ambivalenzen arbeitet: „elend“ nicht nur als Armut, sondern (historisch) auch als Heimatlosigkeit/Verbannung – ein Wort, das die Figur existenziell auflädt.
Schullern kommt aus einer Sängerfamilie; man hört das in der Selbstverständlichkeit, mit der sie Linie hält, ohne die Szene zu „veredeln“.
Der stärkste Moment: Wenn das Lied von der Panikformel in die Gegenerzählung kippt. Die zweite Strophe dementiert das Feindbild ausdrücklich – „reich’ ihm die Hand, vertraue dem Zigeuner … kommt er als Freund“ – und das wird hier nicht moralisch ausgestellt, sondern theatral gemacht: Der Raum atmet auf, als hätte jemand die Luft zurückgegeben.
Operette, aber nicht harmlos
Auch die Buffo-Welt (Zsupán und die satten Schenkelklopfer) bleibt da – nur: Sie dient nicht als Beruhigungspille. Sie zeigt eher, wie leicht eine Gesellschaft lacht, während sie zugleich ausgrenzt. Und plötzlich wirkt Der Zigeunerbaron weniger wie Nostalgie, mehr wie Gegenwartsstück: eine Maschine, in der Titel, Gerücht und Anerkennung handfeste Macht sind.
Am Ende steht, was gute Operette kann: Sie macht Freude – und sie macht schlau, ohne zu belehren. Dieser Zigeunerbaron (in der Kammeroper) ist ein Abend, der Strauß’ Glanz zulässt, aber den Schatten nicht wegwischt. Und mit Tatjana Schullern hat er eine Saffi, die nicht dekoriert, sondern trägt.